GUTE Führung bedeutet die Übernahme von Zukunftsverantwortung

Prof. Dr. Anja Grothe, Dr. Matthias Teller

Wir wagen eine Prognose: 2020 wird ein Jahr werden, in dem die Führung von Unternehmen vor sehr besonderen Herausforderungen steht. Zukunftsverantwortung im Sinne eines aktiven Beitrags zum Klimaschutz im Speziellen und zu mehr Nachhaltigkeit im Allgemeinen wird zu einem entscheidenden Kriterium für hochqualifizierte Arbeitskräfte, Investoren und Kunden. Grundlage für eine gelebte Zukunftsverantwortung ist eine in sich stimmige Unternehmenskultur. Hierfür zu sorgen ist zuallererst eine Aufgabe der Unternehmensführung. Bezieht sie sich dabei auf die drei Ebenen der Unternehmenskultur, wie Edgar Schein sie definiert hat, wird sie, ausgehend von der Erkenntnis, dass das Unternehmen ein lebendes System ist, zunächst auf der zweiten Ebene, den propagierten Werten aktiv werden. Dann können behutsam die Überzeugungen und psychologischen Grundverhalten der dritten Ebene durch systemisches Arbeiten verdeutlicht und allmählich verändert werden. Konkret bedeutet das, wenn z.B. im Unternehmen bei der Mehrzahl der Mitarbeiter*innen ohnehin die Überzeugung vorhanden ist, dass letztendlich für den Klimaschutz nur das Allernotwendigste getan wird, dann ist die Führung in der Verantwortung, dies durch entsprechende Wertepropagierung und einen ehrlichen Dialog zu diesem Thema zu widerlegen. Vor allem aber muss die Führung authentisch vorleben, dass es ihr mit dem Thema Klimaschutz tatsächlich ein ernstes Anliegen ist, und es ihr nicht nur um einen kurzfristigen Imagewandel geht. Erst dann kann die Veränderung durch Artefakte, den unmittelbar wahrnehmbaren Anteilen der Unternehmenskultur, auch nach außen verfestigt werden. Der Grundstein für eine „gelebte Zukunftsverantwortung“ wird auf den beiden unteren Ebenen des Modells von Schein (Eisbergmodell) gelegt, die die Wahrnehmung der im Unternehmen geltenden sozialen Werte und Normen, die „realen“ Verhaltensstandards und soziale Beziehungen zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden umfassen. Die Stimmigkeit und Sinnhaftigkeit aller drei Ebenen ist die Basis für einen wirklichen Wandel der Unternehmenskultur in Richtung gelebter Zukunftsverantwortung. Das impliziert einen Bewusstseinswandel auf allen Ebenen des Unternehmens.

Die Organisation als System

Wenn wir davon ausgehen, dass eine Organisation als System erfasst werden muss und keinesfalls als eine Art mechanistischer Apparat, der eindeutig definiert und entsprechend geführt werden kann, dann muss sich die Führung eines Unternehmens damit auseinandersetzen, wie sie in eine wirkungsvolle Resonanz zum System treten kann, d.h., welche Impulse sie – wie – in das System geben kann, um eine gelebte Zukunftsverantwortung zu ermöglichen bzw. zu stärken. Das bedeutet aber auch, dass die Führung auch in der Lage sein sollte, die Resonanz des Systems auf diese Impulse wahrzunehmen, um daraus angemessene Interaktionen abzuleiten.

Integrale Unternehmensführung

Führung muss außerdem die Grundprinzipien einer integralen Unternehmensführung beachten. Diese werden im sogenannten Quadrantenmodell durch die Dimensionen der Betrachtungsebenen von Innen und Außen sowie vom Ich und Wir abgebildet. Die Bedingungen und Veränderungen im Außen, in unserer äußeren Umwelt, wie auch in unserem gesellschaftlichen Miteinander bedürfen eine entsprechende Wahrnehmung und Entwicklung bzw. Abbildung nach Innen. Diese Aussage betrifft die Organisation – das Wir – wie auch das Individuum selbst – das Ich. Ein Wandel in der Unternehmenskultur kann durchaus von außen, z.B. durch den Klimawandel angestoßen werden. Wenn die Führung es aktiv unterstützt, dass als Reaktion darauf im Innen mehr Verantwortungsübernahme entsteht, mehr Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und eine Stärkung des WIR-Gefühls, dann kann eine erfolgreiche Veränderung im Innen auch im AUSSEN entsprechend glaubwürdig dargestellt werden.

GUTE Führung

GUTE Führung, wie wir sie definieren, geht über diese Merkmale noch hinaus. Sie erkennt an, dass im klassischen Management die Denkfunktion überbetont ist und es einer Ausbalancierung zu den anderen menschlichen Orientierungsfunktionen bedarf, um eine integrale Orientierung im Unternehmen zu ermöglichen. Wir beziehen uns hierbei auf die zuerst von Carl Gustav Jung postulierte Systematik, nach der das Ich über vier Orientierungsfunktionen verfügt. In seinen Ausführungen spricht Jung diesbezüglich auch von Bewusstseinsfunktionen. Eine GUTE Führung achtet darauf, dass der ganze Mensch in den Systemprozessen bewusst involviert ist. Nicht selten kann noch die Position angetroffen werden, dass Fühlen stört und wer Visionen hat, zum Arzt gehen sollte. Das Gegenteil ist aber der Fall. Ein Mensch, der die Orientierungsfunktionen in sich gut ausbalanciert hat, ist im besonderen Maße in der Lage, ein System wahrzunehmen bzw. zu führen.

Schließlich lebt eine GUTE Führung in dem Bewusstsein, dass ihre eigenen Grundannahmen der Organisation in der Tiefe wirken und ein Hinterfragen der Wirkung und Gültigkeit bzw. Zweckdienlichkeit dieser Annahmen notwendig ist. Andernfalls können eigene überholte Vorstellungen oder egoistische Verirrungen, wie z.B. Machtgier, Eitelkeit oder Ängstlichkeit das System negativ beeinflussen. Für eine Unternehmensführung, die eine gelebte Nachhaltigkeit fördern will, ist deshalb die Erkenntnis unerlässlich, dass GUTE Führung bei einer Selbstführung beginnt.  Selbstführung ist ein Akt der Bewusstseinserweiterung. Es bedeutet, sich aktiv mit dem eigenen Selbstbild und dem eigenen Ego auseinander zu setzen. Deshalb ist Coaching für eine GUTE Führung eine Selbstverständlichkeit, denn es bedarf oft eines Gegenübers, um sich selbst in der Komplexität und Tiefe des eigenen Bewusstseins begegnen zu können.

Neue Seminarreihe „GUTE Führung“

Wir haben aus diesen Erkenntnissen heraus eine neue Seminarreihe zum Thema GUTE Führung entwickelt, wo wir uns im ersten Seminar auch verstärkt dem Thema Selbstführung widmen. Hier nutzen wir den Blick nach innen, auf die eigenen Persönlichkeitsanteile und was uns als Menschen mit Führungsverantwortung im Wesentlichen ausmacht. Um eine tiefe Reflektion des eigenen Führungsstils zu ermöglichen, gehen wir ungewöhnliche Wege, indem wir u.a. die Methode der Aufstellungen mit dem fundamentalen Strukturmuster der Archetypen verbinden. Näheres dazu findet sich auf unserer Website unter www.sustainum-consulting.de/akademie/gute-fuehrung/